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Die "Berufungs-DNA" des Menschen: Der Ernstfall der heutigen Pastoral

Das Zukunftsbild unseres Bistum drückt es klar aus: Wir nehmen ernst, was den einzelnen in der Taufe geschenkt worden ist. Die Ehrenamtskonzeption, wie sie das Bistum Essen vorsieht, will sich an dem unausgeschöpften Charismenpotential der vielen Christinnen und Christen unseres Bistums orientieren. Deshalb verstehen wir unsere Aufgabe darin, die vielen Menschen in unseren Gemeinden und Einrichtungen in erster Linie dazu zu ermutigen, gemäß ihrer Charismen und Talente zu leben. In diesem Sinne muss unsere Kirche (wieder) ein Ort werden, in dem die Findung, Entfaltung und Pflege der von Gott im Menschen angelegten Gaben und Talente einen Grund legenden Platz erhalten.

© KNSY - Ch. Kniel & N. Synnatzschke / Bistum Essen

Potentiale wahrnehmen, Bewusstsein stärken

Aus diversen Fachuntersuchungen wissen wir, dass der Anteil der Menschen, die zu einem Engagement bereit sind, unerwartet hoch ist. Der Freiwilligensurvey (2009) konstatiert, der Anteil der zu ehrenamtlichen Engagement Bereiten ist zwischen 1999 und 2009 sogar von 26% auf 37% gewachsen! Auch im kirchlichen Bereich geben 87% der befragten Pfarrgemeinderäte an, dass sie ihre „frei verfügbare Zeit gerne investieren, wenn sie etwas bewegen können.“ Eine hohe Engagementbereitschaft der potentiellen Ehrenamtlichen ist nach wie vor zweifellos vorhanden. Angesichts solcher Zahlen und muss die Fragen lauten: Was muss anders gestaltet werden, um diesen Schatz zu heben?

Instrumente zur Erfassung von Kompetenzen und Charismen entwickeln und nutzen

Es gilt heute stärker denn je, an der kirchlichen Wahrnehmungskompetenz und der Bereitschaft zu arbeiten, Menschen dazu zu ermutigen, ihren Charismen zu folgen. Dazu gibt es im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements zahlreiche Instrumente zur Erfassung von Kompetenzen: Potentzialanalysen, Kompetenzchecks, etc. Auch im Umfeld von Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen gibt es seit geraumer Zeit erste Versuche, diese Kompetenzen zu erfassen. Mit Kompetenzfestellungsverfahren, Charismenchecks, Kompetenzdiagnostik oder Potentzialanalysen lassen sich Aufschlüsse darüber erreichen, wo die Stärken und persönlichen Neigungen der Christinnen und Christen liegen, um ihnen dann später bessere Möglichkeiten anbieten zu können, ihre jeweilige Form des Engagements zu finden. Aus einschlägigen Untersuchungen lässt sich ablesen, dass derartige persönliche Entdeckungsreisen die Proaktivität  und die Engagementbereitschaft der Befragten positiv beeinflussen. Ebenso fördern solche systematischen Annäherungen an die Charismen und Talente das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und stärken nachhaltig den Glauben in das eigene Selbstwertgefühl.

Instrumente zur Informationen über Engagementmöglichkeiten verbessern

Das kirchliche Ehrenamt leidet an einem Imageproblem. Häufig versteht man unter kirchlichen Ehrenämtern die klassischen Formen des Ehrenamtes, die wiederum nicht immer eine einladende und anziehende Wirkung entfalten. Hier wird es sicherlich eine wichtige Aufgabe der Zukunft sein, auf breiter Basis geeignete Instrumente und Webseiten zu entwickeln, die Informationen und Portraits der möglichen Tätigkeitsfelder in geeigneter Form präsentieren. Daneben wird es künftig wichtig sein, mit Menschen in Kontakt zu treten, die sich informieren wollen, für eigene Engagement-Ideen Verbündete und Räume suchen. Denkbar sind dabei Ehrenamtstage, Kennenlern- und Probierangebote, die auch im nicht-kirchlichen Raum um Mitarbeitende werben.

Von der Aufgaben- zur Berufungsorientierung

Der herkömmliche Zugangsweg zum Ehrenamt erfolgte in der Reihenfolge: Aufgabenbeschreibung – Suche nach der passenden Person, die diese Aufgabe übernehmen könnte.

Die Erfahrung aus vielen Feldern des Ehrenamtes zeigt aber immer mehr, dass dies kein motivierender Weg ist. Denn im Normalfall lassen sich Menschen nur schwer zu etwas gewinnen, das irgendwelche Funktionäre oder bereits fest gefügte Pastoralpläne vorsehen, die es dann nur „mitzumachen“ gilt. Diese so institutionell verordnete Engagementform orientiert sich an einer bereits festgelegten Aufgabe und hat den Menschen wenig im Blick.

Die Berufungsorientierung hingegen orientiert sich an der inneren Quelle der eigenen Einsicht und Motive. Ein solches Engagementverständnis hat folgende praktische Konsequenzen:

  • Es bringt den Menschen in Kontakt mit sich selbst.
  • Es erfordert offene Entdeckungsprozesse in den Kontexte, in denen sich die potentiellen Ehrenamtlichen bewegen.
  • Es erfordert eine große Achtsamkeit auf die Motive der Einzelnen hin.
  • Ein solcher Zugang erfolgt in dem Bewusstsein, dass Verantwortung in der Kirche nicht delegiert, sondern nur geweckt werden kann.
  • Was neu geübt werden muss ist ein großes Vertrauen in die Charismen der Menschen und die Einsicht, dass die Aktivitäten der Kirche aus dem Antrieb des Geistes entstehen und nicht in erster Linie den Aktivierungsversuchen der Hauptamtlichen.
  • Ein in solcher Weg erfordert eine veränderte Berufsrolle der Hauptamtlichen, die verstärkt Hebammentätigkeiten für die Ehrenamtlichen übernehmen dürfen – wie Eli bei der Berufung des Samuel:  „Aber Samuel kannte den Herrn noch nicht, und er wusste nicht, wie es zugeht, wenn einem ein Wort Gottes offenbart wird.“ (1Sam 3, 7, nach Jörg Zink)

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